10 Jahre
Selbsthilfegruppe für Schwerhörige, Ertaubte, CI-Träger Erlangen

Die Kirche füllte sich vor
dem Gottesdienst...

Pfarrer Sudermann (links)
hatte diesmal meist einen ungewohnten Platz in der ersten Reihe
(statt am Altar)
"Singt dem Herrn ein neues
Lied, denn er tut Wunder“. Mit diesem Psalmwort begrüßte Herr
Pfarrer Sudermann die Gottesdienstteilnehmer in Sankt Markus,
Erlangen. Singt dem Herrn ein neues Lied – voller Dank für
alles, was wir haben, trotz allem Mangel, den wir zu tragen
haben!
Dieser Begrüßung schlossen
sich die zwei Seelsorger für Hörbehinderte in Bayern an: Herr
Pastoralreferent Johannes Kröner und Pfarrer Rolf Hörndlein. Sie
gaben dem Gottesdienst das Thema: Grenzen und Hoffnungen,
Dankbarkeit und Aussichten – einerseits auf die Lebenswelt und
Erfahrungen schwerhöriger Menschen bezogen, andererseits auf die
Botschaft des Evangeliums.
Zunächst aber stellte Christa
Braun (ehemalige Mitarbeiterin im Diakonischen Werk Erlangen)
dar, wie es zur Gründung der Selbsthilfegruppe vor 10 Jahren
kam: Als Guthörende lernte sie bei einer Erholungsfreizeit für
Hörbehinderte deren Probleme kennen und entwickelte zusammen mit
anderen Mitstreitern die Idee, eine Selbsthilfegruppe zu
gründen. So treffen sich nun seit 10 Jahren hörbehinderte
Menschen einmal im Monat, tauschen ihre Erfahrungen aus, geben
z.B. Wissen über technische Möglichkeiten weiter und stärken
sich so gegenseitig. Gleichzeitig versuchen sie aber auch,
Barrieren für Hörbehinderte öffentlich zu benennen und sich für
deren Beseitigung einzusetzen – z. B. für Induktionsschleifen in
Vortragsräumen, Kirchen, u. a.
Nun kamen zwei Mitglieder der
Selbsthilfegruppe zu Wort, die über ihre jeweilige Hörschädigung
berichteten.
Bei Christa Hirschmann waren
es in der Kindheit zahlreiche Mittelohrentzündungen, die zu
einer Einschränkung des Hörvermögens führten. In späteren Jahren
machten mehrere Hörstürze das Tragen von zwei Hörgeräten
notwendig. Doch sie stieß immer mehr an ihre Hör-Grenzen und
suchte schließlich den Anschluss an die Selbsthilfegruppe, um
dort neue Gemeinschaft und Unterstützung zu finden.
Als Zweite berichtete Anni
Reinmann wie ihre Schwerhörigkeit vor 30 Jahren begann, zunächst
auf einem Ohr, dann auf beiden, was zum Tragen von zwei
Hörgeräten führte. Doch das Problem war nun, dass sie zwar
besser hörte, aber das Gesprochene nicht verstehen konnte.
Schließlich entschied sie sich – nach umfassender Information –
für ein Cochlear Implantat. Durch den Erfolg ermutigt, ließ sie
sich auch am anderen Ohr ein CI implantieren. Sie empfindet es
immer noch als ein Wunder, dass sie sich nun an Gesprächen
beteiligen kann und fühlt sich in der Selbsthilfegruppe gut
aufgehoben.
Bevor Pfarrer Hörndlein mit
seiner Predigt begann, stimmten Chor und Gemeinde in das Lied
ein: Ich singe dir mit Herz und Mund, ... (Auch der Liedtext
wurde wie alles andere gesprochene Wort von der
Schriftdolmetscherin Frau Inci Doeger an der Leinwand sichtbar
gemacht!)
Predigttext: Joh. 1, 35 – 39
In dieser Geschichte geht es um das Suchen und Finden. Zwei
Menschen haben von Jesus gehört und machen sich auf die Suche
nach ihm. Als sie ihm begegnen, fragt er sie: "Was sucht ihr?" –
Eine existentielle Frage! Was suchen Menschen in ihrem Leben? –
Die beiden Jünger suchen einen Ort der Geborgenheit, einen Ort,
wo sie bleiben können. Sie finden ihn bei Jesus.
Auch Schwerhörige sind auf der Suche nach einem Ort, an dem sie
nicht ausgegrenzt sind und ihnen das Leben nicht noch schwerer
gemacht wird, an dem sie bleiben können.
An dieser Stelle kommt
Irmgard Kühne als Betroffene zu Wort. Sie beschreibt die
Selbsthilfegruppe als einen Ort, an dem sie sich wohlfühlt, an
dem sie – dank technischer Unterstützung – entspannt dem
Gespräch folgen kann. "Orte zum Bleiben" können überall dort
sein, wo Menschen sich einem Schwerhörigen zuwenden, ihm
gleichsam eine Brücke des Verstehens bauen. Auch die
Markuskirche ist dank der Induktionsschleife zu einem guten Ort
für Schwerhörige geworden!
Fortsetzung der Predigt:
Die Geschichte des Suchens wird nun noch auf andere Weise zur
Geschichte des Findens: Das Evangelium berichtet, dass einer der
beiden Männer, Andreas, seinen Bruder Simon "findet". Er hat ihn
gar nicht gesucht, aber er wurde ihm von Gott in den Weg
gestellt. So wie eine Aufgabe, die man sich nicht gesucht hat,
die einem einfach zufällt. Dann heißt es, sich dieser Aufgabe zu
stellen, sich von ihr finden zu lassen.
So ähnlich war es mit der
Entstehung der Selbsthilfegruppe: Eine Guthörende hat
hörgeschädigte Menschen gefunden, hat erkannt, was sie brauchen
und hat gehandelt. So ist die Selbsthilfegruppe Erlangen zu
einem Ort geworden, zu dem hörgeschädigte Menschen gehen können,
wo sie bleiben können, wo sie andere Menschen finden, oder auch
selbst gefunden werden.
Der anschließende Chorgesang
handelte von Gottes schützender Begleitung: "Denn er hat seinen
Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen
Wegen."

Auch bei den Fürbitten waren Mitglieder
unserer Gruppe beteiligt

Die Schriftdolmetscherin in Aktion
(rechts im Hintergrund der ökonomische Chor St. Markus / St.
Theresia)
Nach Abschluss des
Gottesdienstes leitete Herbert Hirschfelder zu den Grußworten
über:
Evang.-luth.Dekan Peter
Huschke (verlesen von Pfarrer Sudermann):
Ausgehend vom Motto des diesjährigen ökumenischen Kirchentags:
"Damit ihr Hoffnung habt" nennt er die Selbsthilfegruppe
"Hoffnungsträger", in deren Gemeinschaft die Hoffnung sich
erfüllt, gegenseitige Stützung zu erfahren. Die Mitglieder der
Selbsthilfegruppe sind aber auch Sprachrohr für alle, die sich
ihrer Schwerhörigkeit schämen und bringen z. B. den Wunsch nach
Induktionsschleifen an die Öffentlichkeit.
Bürgermeisterin Dr. Elisabeth
Preuß:
Sie erinnert an die vielen Barrieren, die den Alltag für
Schwerhörige zum Hindernislauf machen. Barrierefreiheit sollte
nicht nur auf dem Papier stehen, sondern Wirklichkeit werden.
Als einen Schritt auf diesem Weg hat die Stadt Erlangen der
Selbsthilfegruppe eine Funk-Mikrofonanlage zur Verfügung
gestellt, die das Hören in der Gruppe, aber auch in der
Öffentlichkeit (z.B. im Museum) erleichtert.
Frau Dr. Preuß will sich weiter dafür einsetzen, dass auch an
anderen Orten die Barrierefreiheit Wirklichkeit wird.
(Induktionsschleife im Redoutensaal, im Theater u. a.)
Frau Dr. Annekathrin Preidel,
Mitglied der evang.-luth.Landessynode:
Sie brachte ihre Freude zum Ausdruck über diesen
Festgottesdienst und zeigte sich beeindruckt von der Arbeit der
Selbsthilfegruppe. "Von ihrem Engagement müssen mehr Menschen
erfahren. Das was Sie für andere tun, macht Mut, stärkt und ist
vorbildlich!" Sie versprach, sich weiterhin in der Synode für
die Belange Behinderter einzusetzen.
Herr Manfred Hartmann,
Vorsitzender des Landesverbandes Bayern der Schwerhörigen und
Ertaubten:
Schwerhörigkeit ist eine unsichtbare Behinderung, die Menschen
ausgrenzt. Nur durch Akzeptanz seitens der Mitmenschen und durch
die Verfügbarkeit aller technischer Hilfsmittel kann diese
Ausgrenzung aufgehoben werden. Der Landesverband und die
Selbsthilfegruppen wollen auch in Zukunft für die Belange der
ca. 16 Millionen Schwerhörigen in Deutschland (ca. 2 Millionen
in Bayern) kämpfen.
Herr Prof. Dr. Ulrich Hoppe,
HNO-Klinik Erlangen:
Er betonte, wie wichtig die Arbeit der Selbsthilfegruppe ist,
zum Einen für die menschliche Zuwendung, die Betroffene dort
erfahren, und zum Anderen für die Öffentlichkeitsarbeit, die
dort geleistet wird. Beides ist eine wichtige Ergänzung zur
Aufgabe der Ärzte, die mit technischen, operativen Maßnahmen
versuchen, die Situation Hörbehinderter zu verbessern.
Nun konnte man sich im
Gemeindehaus mit wohlschmeckenden Sandwiches und verschiedenen
Getränken stärken, sich an den Ständen der Firma Jaggomedia über
Induktionsanlagen und der Firma Pelo-Hörsysteme über Zubehör zu
Hörgeräten informieren und das eine oder andere Gespräch führen
– auch wenn das bei dem beträchtlichen Geräuschpegel
Schwerstarbeit für Hörbehinderte war.
Übrigens: Rechtzeitig zum
Jubiläum wurde die neue Homepage der SHG Erlangen fertig
gestellt. Sie ist zu finden unter:
http://www.schwerhoerige-erlangen.de
(Text: Christa Hirschmann,
Fotos: Herbert Hirschfelder)

Nach dem Gottesdienst füllte sich der
Gemeindesaal

Buffet im Gemeindesaal


Eine Stellwand im Gemeindesaal war den
Förderern vorbehalten

Literatur-Infostand im Gemeindesaal (eine arme
Sau war auch dabei...)
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