In der Zukunftswerkstatt: Betroffene
als Experten in eigener Sache
Handeln für die Zukunft des Hörens

Eichstätt (hw)
Wo sehen von Schwerhörigkeit betroffene Menschen Probleme und
Handlungsbedarf in Medizin, Technik und Gesellschaft? Wie können
mit neuen Ideen hierfür Lösungen gefunden werden?
Anlässlich
eines Seminars am 21./22. Oktober 2011 des Landesverbandes
Bayern der Schwerhörigen und Ertaubten e. V. kamen rund 25
engagierte Betroffene aus ganz Bayern in der
Kolpingsbildungsstätte Eichstätt zusammen, um gemeinsam neue
Wege für die Zukunft des Hörens zu entdecken.
Diplom-Pädagogin Alexandra Gutknecht aus München moderierte die
Zukunftswerkstatt, in der den bestehenden Hindernissen und
Problemen von schwerhörigen Menschen mit Optimismus und
selbstbestimmten Veränderungskonzepten entgegen getreten werden
sollte.
Abwechselnd
im Gesamtteam und in Kleingruppen, in welchen man austauschend
mitwirken konnte, sollten im Aussiebeverfahren systematisch fünf
Kernthemen herausgearbeitet werden.
Mit
spielerischen „Missionen“, die die Moderatorin zwischen den
Arbeitsaufträgen den Kleingruppen aufgab - wie etwa im Team auf
einem Stück Packpapier stehend dieses umdrehen, ohne es zu
verlassen - öffnete man sich und erkannte, dass vieles doch
möglich ist, was einem zuerst unmöglich erscheint.
Begonnen
wurde die Zukunftsschmiede mit einer kritischen Bestandsaufnahme
des Ist-Zustandes. Dem begegnete man in der anschließenden
Phantasiephase mit: “Was wäre, wenn Schwerhörige über alles
Geld, Macht und Einfluss verfügen würden?“
Dieser
Auftrag diente dazu, die Dinge einmal von einer anderen Seite zu
betrachten als man es bisher tat, und er verlieh allen
Teilnehmern Flügel. Mit Schlagzeilen wie „Unsere Politiker sind
sehr besorgt um das Wohl der Hörgeschädigten“, „Barrierefreier
Zugang & Nutzung zu allen Medien für ALLE“, „Hörtraining und
-beratung von Anfang an“ oder „Unsere Buttons sind beliebter als
‚Atomkraft, nein danke!‘“ und „Der LV Bayern hat nach dem ADAC
die meisten Mitglieder“, gelang es, das Negative zu überwinden
und eigene Horizonte zu weiten. Moderatorin Alexandra Gutknecht
bestätigte den Teilnehmern: „Ihr seid wunderbar abgehoben!“
Damit
endete der erste Tag. Das spätabendliche gesellige Zusammensein
nutzten noch viele, um sich über die Vereins- und Gruppenarbeit
an sich auszutauschen.
Am nächsten
Morgen ging es dann darum, in einer Utopiensammlung die
Phantasie zu visualisieren. Anhand von kreativen Themenplakaten
stellte man dar, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn alles
möglich wäre.
Im dritten
und letzten Teil der Werkstatt - der Realitätsphase - fanden die
Teilnehmer doch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen
zurück und schlugen die Brücke von der Vision zur Wirklichkeit.
Was kann von der Utopie in die derzeitige Welt übernommen
werden? Wie sieht ein echter Plan aus? Wer macht was und wann?
Als
Ergebnis kristallisierten sich am Ende fünf Konzeptthemen
inklusive Vorgehensplanung heraus:
●
Aufklärung von medizinischem Personal.
●
Checkliste zur Hörgeräte-Anpassung und Nachsorge
●
Professionelle Beratungsstellen NUR für Schwerhörige -
flächendeckend
● 100 %
Untertitel
● Outen/Vorbild
im Alltag
Es waren
zwei temporeiche Tage, von denen man viel Motivation mit in den
Verein und in die Selbsthilfegruppe vor Ort nehmen kann. Als
Verbands-, Vereinsvorstand und Gruppensprecher kam man sich
näher, lernte sich aus einem anderen Blickwinkel kennen. In der
Schlussrunde waren sich alle über den positiven Verlauf der
Zukunftswerkstatt einig. Lydia Ulmer, Vorstandsmitglied des LV
Bayern: „Einzelne Teilgebiete wurden zu einem Ganzen
zusammengeführt.“ Und Nadine Schubert vom Nürnberger
Schwerhörigenbund sagte: „Wir haben jetzt eine Strategie.“
Doch wie
geht es weiter? Die Mitwirkenden der jeweiligen Arbeitsgruppen
haben nun die Möglichkeit, sich zusammenzuschließen und
austauschen, wie man die Umsetzung der erarbeiteten Konzepte
voranbringen kann. „Dies wird nicht von heute auf morgen gehen“,
so Landesverbandsvorsitzender Manfred Hartmann am Ende der
Tagung. Doch wurden Ansätze geschaffen und man bleibe weiter in
Kontakt.
Dieses
Seminar wurde ermöglicht durch die DAK-Bayern-Förderung in Höhe
von 2.070 Euro. Dafür bedankt sich der LV Bayern recht herzlich
bei der Krankenkasse.